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Auf dieser Seite finden sie liebevoll gesammelte Schriftstücke. Sie sind mir irgendwann einmal begegnet und haben mich sofort fasziniert – Vielleicht geht es meinen Besuchern ja ebenso.
»Wie man einen Vogel malt«
Jacques Prévert (1900-1977)
(franz.Lyriker und Drehbuchautor)
Male zuerst einen Käfig
mit einer offenen Tür.
Dann male irgendetwas Hübsches,
irgendetwas Einfaches,
irgendetwas Nützliches,
was den Vogel angeht.
So lehne die Leinwand
an einen Baum
in einem Garten,
in einem Wäldchen.
Verbirg dich hinter dem Baum,
ohne zu sprechen, ohne dich zu rühren.
Bisweilen kommt der Vogel bald,
aber es kann ebenso gut
viele Jahre brauchen,
bis er sich dazu entschließt.
Verlier nicht den Mut
warte, warte –
wenn's sein muss jahrelang,
denn der rasche oder
langsame Anflug des Vogels
hat nichts zu tun mit dem
Gelingen des Bildes.
Wenn der Vogel kommt,
so sei ganz still,
warte bis der Vogel
in den Käfig schlüpft,
und wenn er hineingeschlüpft ist,
schließe mit dem Pinsel leise die Tür,
dann tilge nacheinander
die Gitterstäbe aus,
wobei du keine einzige Feder
des Vogels berühren darfst.
Sodann male den Baum
und wähle den schönsten
seiner Äste für den Vogel –
male auch das grüne Laub
und den frischen Wind,
den Sonnenstaub,
und das Gesumm der
Grastiere in der Sonnenglut.
Und dann warte,
ob der Vogel sich entschließt,
zu singen.
Wenn der Vogel nicht singt,
so ist es ein schlechtes Zeichen,
ein Zeichen,
dass das Bild schlecht ist.
Aber wenn er singt,
ist es ein gutes Zeichen,
ein Zeichen, dass du das Bild
mit deinem Namen zeichnen darfst.
Dann zupfst du ganz sacht eine Feder
aus dem Vogelgefieder
und schreibst in eine Ecke des Bildes
deinen Namen nieder.
Paulo Coelho – Danke
(*1947 in Rio de Janeiro),
brasilianischer Schriftsteller
Ich danke allen, die meine Träume belächelt haben;
Sie haben meine Phantasie beflügelt.
Ich danke allen, die mich in ihr Schema pressen wollten;
Sie haben mich den Wert der Freiheit gelehrt.
Ich danke allen, die mich belogen haben;
Sie haben mir die Kraft der Wahrheit gezeigt.
Ich danke allen, die nicht an mich geglaubt haben;
Sie haben mir zugemutet, Berge zu versetzen.
Ich danke allen, die mich abgeschrieben haben;
Sie haben meinen Mut geweckt.
Ich danke allen, die mich verlassen haben;
Sie haben mir Raum gegeben für Neues.
Ich danke allen, die mich verraten und missbraucht haben;
Sie haben mich wachsam werden lassen.
Ich danke allen, die mich verletzt haben;
Sie haben mich gelehrt, im Schmerz zu wachsen.
Ich danke allen, die meinen Frieden gestört haben;
Sie haben mich stark gemacht, dafür einzutreten.
Vor allem aber danke ich all jenen, die mich lieben,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aaaaaaso wie ich bin;
Sie geben mir die Kraft zum Leben! – Danke!
Jorge Luis Borges – Ein zweites Mal
(1899-1986),
argent. Schriftsteller
Könnte ich mein Leben noch einmal von vorn beginnen,
würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen.
Ich würde alberner sein, würde ganz locker werden,
nur noch ganz wenige Dinge ernstnehmen.
Ich würde entschieden verrückter sein und weniger reinlich.
Ich würde mehr Gelegenheiten beim Schopf ergreifen
und öfters auf Reisen gehn.
Ich würde mehr Berge ersteigen,
mehr Flüsse durchschwimmen und
mehr Sonnenaufgänge auf mich wirken lassen.
Ich würde mehr Schuhsohlen durchlaufen,
mehr Eis und weniger Bohnen essen.
Ich würde mehr echte Probleme und
weniger eingebildete Nöte haben.
Nun, ich habe meine verrückten Augenblicke,
aber wenn ich noch einmal von vorn anfangen könnte,
würde ich mehr verrückte Augenblicke haben - genau gesagt:
Augenblicke, einen nach dem anderen,
und nichts mehr von Plänen
zehn Jahre voraus.
Marc Aurel
(121 bis 180 n. Chr.),
römischer Kaiser und Philosoph
Wie viel von denen, mit welchen ich
auf die Welt gekommen bin, haben diese bereits wieder verlassen?
Wie viele, die in Oden und Hymnen besungen worden sind, sind jetzt vergessen und wie viele Oden- oder Hymnendichter sind längst dahin?
Wo sind jene jetzt?
Nirgendwo, oder wo denn?
Wie gering ist die Zeitspanne,
die dir zugemessen ist! Reicht es dir nicht, dieselbe gut zu nutzen?
Warum versäumst Du Zeit und Gelegenheit? Denn was sind dies anderes als Übungen der Vernunft darin, alles was im Leben vorfällt,
mit scharfem Blicke zu erforschen
und in die Natur der Dinge einzudringen?
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Wieviel Zeit gewinnt derjenige, der sich um anderer Leute Reden, Tun und Denken nicht bekümmert, sondern nur Sorge trägt, dass das, was er tut gerecht ist?
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Arbeite nicht wie ein Elender, auch nicht, um bemitleidet oder bewundert zu werden, sondern in der einzigen Absicht, dich so zu bewegen oder stille zu sein, wie es deine gesellschaftlichen Verhältnisse erfordern.
Die Leute suchen sich oft einen einsamen Aufenthalt auf einem Landgut, an einer Seeküste, auf einem Berge. Solche Wünsche fechten nicht selten und nicht wenig auch dich selbst an. Aber alle dergleichen Wünsche sind sehr unphilosophisch und entspringen einer sehr beschränkten Sicht auf die Dinge. Du kannst dich ja, wenn du willst, auf dich selbst zurückziehen. Der Mensch findet nirgends eine ungestörtere Einsamkeit als in seiner eigenen Seele.
Gewöhne dich daran, so viel wie möglich bei allem, was ein anderer tut, dich selbst zu fragen:
»Zu welchem Zwecke tut er das?«
Mach aber den Anfang bei dir selbst und erforsche zuallererst deine eigenen Absichten.
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Wer nicht weiß, was die Welt ist, der weiß nicht, wo er lebt. Wer aber den Zweck seines Daseins nicht kennt, der weiß weder, wer er selbst, noch was die Welt ist. Wem aber Kenntnis des einen oder anderen dieser beiden Stücke fehlt, der wird auch nicht sagen können, wozu er geschaffen ist. Was hälst du denn von einem Menschen, der den Tadel derer fürchtet oder nach dem öffentlichem Beifall solcher begierig ist, die nicht wissen wo sie sind, noch was sie sind?
Für den Stein, der emporgeworfen ist, ist es kein Verdienst, dass er hoch hinaus kommt, und kein Übel, dass er herabfällt.
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Du kannst all das, was du erst nach Ablauf einiger Jahre zu erreichen hofftest, schon jetzt haben, wenn du dir nicht selbst im Wege stehst: Das will sagen, dass du das Vergangene hinter dir lassen, das Zukünftige der Vorhersehung anvertrauen und nur das Gegenwärtige einrichten sollst.
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